Die meisten Firmen suchen nach erfahrenen Scrum Mastern, ist das klug?

Allerdings habe ich in den letzten Jahren vielfältige Ausbildungsprogramme für Scrum Master, Agile Coaches und agile Teamentwickler entwickelt. Das hat zur Folge, dass es sehr viele neue Scrum Master mit keiner oder wenig Erfahrung gibt, die auf ihre Chance warten, Erfahrungen zu sammeln und sich zu beweisen.

Deswegen beleuchten wir in dieser Folge einmal näher:

  • Warum suchen Firmen eigentlich nach erfahrenen Scrum Mastern?
  • Welche Herausforderungen werden unterschätzt, wenn man sich als unerfahrener Scrum Master seine Erfahrungen ausmahlt und eine Stelle für einen erfahrenen Scrum Master antritt?
  • Worauf sollte ich als Scrum Master mit ersten Erfahrungen achten, wenn ich mich jetzt in einer neuen Umgebung beweisen möchte?
  • Wie können wir als Organisation besser mit der Lage umgehen und auch von unerfahrener Scrum Mastern profitieren?
  • Wie gehe ich als unerfahrener Scrum Master bestmöglich mit dieser Situation um?
 
 

Nicole Sturm hat auf Linked einen kleinen Aufruf in Form von Storytelling platziert, um Scrum Mastern ohne oder mit wenig Erfahrung eine Chance zu geben. Das ist eigentlich ein spannendes Feld, weil wir einerseits sehr viele mehr oder weniger umfassende Ausbildungen zum Scrum Master, Agile Coach, Agiler Teamentwicker,… haben und ich immer wieder Rückfragen bekommen, wie viele aus diesen Ausbildungen ohne Erfahrungen eine echte Chance bekommen erste Erfahrungen zu sammeln.

Genauso aber suchen viele Firmen explizit nach den erfahrenen Leuten, die es gerade auf dem Markt so vermutlich kaum gibt und sind frustriert, dass sie “faule” Kompromisse eingehen müssen, um überhaupt jemanden zu finden. Deswegen möchte ich in dieser Folge einmal das Feld näher betrachten, warum Firmen erfahrene Scrum Master suchen und ob dies denn so überhaupt klug ist, bzw. wie wir effektiv mit dieser Realität umgehen.

 

 

Was erhoffen sich Firmen von einem erfahrenen Scrum Master?

  • Organisationen wollen agiler werden. Sie wollen sich damit eigentlich zu ihren Ambitionen und Herausforderungen erfolgreich aufstellen.
  • Sie sehen die Notwendigkeit, dass dies aktiv ausgestaltet werden muss von einem erfahrenen Scrum Master oder Agile Coach. 
  • In der Regel variiert in der Organisation dazu ein unterschiedliches Verständnis und Bewußtsein, was diese Veränderung denn eigentlich für die Organisation bedeutet und wo diese wirklich liegen.
  • Deswegen sind natürlich noch längst nicht alle Sachen klar, wie ein erfahrener Scrum Master dies möglich macht und manche sind auch einfach geprägt von vorherigen Mustern und Gewohnheiten.
  • Aber genau aus diesem Grund sieht man ja nach einem erfahrenen Scrum Master, der dabei hilft diese Punkte einzuordnen und uns dabei hilft den passenden Weg zu finden.

 

Wie viele Scrum Master gibt es, die wirklich in der Lage sind dieser Erwartung gerecht zu werden?

Ich habe keine wirklichen Zahlen zur Hand, ab wann wir einen signifikanten Anstieg an Organisationen mit agilen Ambitionen, agilen Transformationen hatten. Gefühlt war es schon immer ein Hype, als ich in diesem Bereich arbeitete, wo man sich fragte, wann das Ende der Fahnenstange erreicht ist und dann wurde es wieder größer Mir scheint es aber, dass wir in den letzten 3-5 Jahren nochmal eine ganz andere Steigerung in die breite hatten und es deswegen unglaublich viele Leute gibt mit ersten oder wenigen Erfahrung im Bereich Scrum. Was inzwischen auch von Ausbildungen unterschiedlicher Anbieter aufgegriffen wird. 

Was mich dabei mit sehr großer Sorge begleitet ist, dass wir einen wahren Hype von sogenannten Ausbildungen haben, die gar nicht oder nur sehr halbherzig die Anwendung im echten Kontext anwenden. Deshalb weise ich bei meinen Einstiegstrainings für Scrum Master (CSM) und Product Owner (CSPO) auch immer darauf hin, dass ein zweitägiges Training ein Einstieg oder eine Konsolidierung dieser Themen bieten kann. Das es Ihnen auch dabei helfen kann, dass zu lernen, was schwer aus Büchern zu lernen ist. 

Was mich aber wirklich wundert ist, dass der sehr breit gewordene Markt an Ausbildungen gerade zum Agile Coach nur mit Fallbeispielen im fiktiven Raum spielt  oder sie die Teilnehmer nach Modulen motivieren die durchgearbeiteten Themen mal anzuwenden. Für unser heutiges Thema ergibt sich aus diesem Kontext aber das Problem, dass wir viele neue motivierte Leute haben und das diese weder die Erfahrung noch das Standing mitbringen, den Erwartungen der Organisationen gerecht zu werden. Das kann bei der naiven Besetzung einer solchen Stelle ohne passenden Rahmen mit einer solchen Person für alle Beteiligten zu sehr viel Frust führen.

 

Die Verlockungen diese Erfahrung vorzutäuschen und die Gefahren, die sich dadurch ergeben

Es stehen dort viele Personen, die oft auch persönlich in ihre Ausbildung investiert haben und sich hochmotiviert in diesem Bereich beweisen wollen. Sie hoffen hier, ihre Passion zu verwirklichen. Stoßen aber gleichzeitig auf unzählige Anzeigen, die ewig geschaltet sind für erfahrene Scrum Master, Agile Coaches und Co. Aber finden kaum Anzeigen für die sie selbst die Voraussetzungen erfüllen. Die Verlockung ist groß, sich jetzt erstmal auf solche Stellen zu bewerben und natürlich mal seine Erfahrungen im Lebenslauf ein wenig ausschmücken.

Schließlich arbeiten wir doch alle irgendwie agil und so grob agil waren meine Stellen der letzten Jahre ja auch, also let’s go! Das blöde ist, man bringt sich so in eine sehr missliche Lage. Wenn man wenig Erfahrung hat, braucht man eigentlich die Unterstützung der Umgebung, um sich passend zu entwickeln. Als Scrum Master wollen wir Missstände aufzeigen und unsere Umgebung dazu motivieren die Dinge, die wir nicht wissen mutig auszuprobieren und dann aus der gemachten Erfahrung weiter auszugestalten. Das ist der empirische Ansatz der den Kern von Scrum bildet. Der trifft aber in so einer Situation auf unseren Reflex Souveränität vorzugaukeln. Das heißt wir wissen, was kommt und wie es funktioniert. 

Das ist der Punkt, wo eigentlich alle, die ich in so einer Lage kenne:

  • erstmal dazu abdriften Scrum als Lösung zu positionieren und sich versuchen festzuhalten Scrum richtig zu machen. Wir lesen wie andere genau beim schätzen die Karten hochhalten, wie man gute User Stories schreibt und vergessen dabei Scrum als Rahmen zu positionieren, um gemeinsam zu lernen. Schließlich löst Scrum ja kein Problem sondern macht sie nur deutlich. Dazu schafft es dann einen Rahmen, wo wir aus der Lieferung von Ergebnissen Produkt und Arbeitsweise ausgestalten. Das heißt, dass wir eben auch unsere Lösung aus diesem ausprobieren finden und das stumpfe aufoktroyieren bzw. festhalten an strikten mechanischen Abläufen anderer Scrum an sich ad absurdum führt. Wenn du in dieser Lage bist, bitte pass da auf!
 
  • Zusätzlich fangen wir eher vorsichtig an und versuchen sehr umgänglich zu sein zu dem was da ist. Wir wollen ja nicht anecken mit Sachen, wo wir uns gerade noch Fragen, ob sie hier in der Praxis wirklich funktionieren. Deswegen laufen wir so mit und nehmen natürlich Wünsche vom Umfeld oder den Personen dabei oft auch eher naiv mit an. Genau dies führt aber auch wieder dazu, dass wir das bestehende System in Scrum einfach nur umlabeln und genau so weitermachen wie wir vor Scrum gearbeitet haben. Auch dies ist eine riesige Gefahr mit der du dich unbedarft schlecht positioniert und später das Problem hast, aus diesem Scrum Theater auszubrechen,  damit es dann auch deinen bzw. den Ansprüchen der Umgebung gerecht wird.
 
  • Viele werden in diesem Kontext zu “Kümmerern”, die alles das was noch nicht läuft versuchen zu kompensieren. Sie organisieren das selbstorganisierte Team und sind näher an einem klassischen Projektleiter oder Koordinator, der versucht das die Umgebung irgendwie funktioniert. Was natürlich auch wieder blöd ist, da wir ja eigentlich Transparenz schaffen wollten und plötzlich so damit beschäftigt sind uns in der Verwaltung der Dysfunktionen mit einzubringen. In dieser Ausprägung müsst ihr wirklich aufpassen, nicht völlig auszubrennen, da man hier versucht in alle Details und Technik reinzukommen. Selbst als Techniker ist einem technischen Team das schon belastend und oft verzweifeln hier an dieser Stelle viele Scrum Master mit dem Anspruch doch alles in der Umgebung verstehen zu wollen und daraus dann alles zusammenhalten zu wollen. Bitte passt da auf. Ein Scrum Master muss nicht der beste Techniker sein. Ein Scrum Master muss gucken, wie der dabei hilft das Scrum Team in die Verantwortung zu nehmen, sich gut aufzustellen und dabei zu helfen dass wir aus dieser Aufstellung unsere Herausforderungen gemeinsam gut angehen können und eben nicht alles alleine angehen.
 

Ich kenne unglaublich viele Scrum Master in dieser Lage und nur allzu oft führt dies dazu, dass wir uns im Austausch auf Community Events über die bösen rückständigen Organisationen auslassen, über Führungskräfte, die ihre Rolle nicht verstanden haben und eigentlich wäre es so wichtig, dass wir als erstes auf uns schauen, damit sich hier etwas bewegt.

 

 

Achtung! Seid Euch der Gefahr bewußt, in die Scrum Master mit ersten Erfahrungen leicht reinlaufen.

Wenn wir in unserer ersten Umgebung erste Erfahrungen gesammelt haben, egal ob wir sie aufgebaut haben oder wir in ein gemachtes Nest gekommen sind und aus dem Mitlaufen in die Rolle als Scrum Master gekommen sind. In der nächsten Umgebung haben wir in der Regel die Präferenz unsere gut funktionierenden Lösungen direkt einzuführen. Schließlich haben diese sich in der vorherigen Umgebung ja auch schon bewährt. (copy and paste style)

Das Problem hier ist nur, dass die Umgebung, in der wir jetzt sind eine neue Umgebung ist. Die Wahrscheinlichkeit das dies damals eine gut passende Lösung auch in diesem Kontext war ist in der Regel nicht gegeben. Scrum ist bewußt ein minimales Rahmenwerk und das gestaltet man passend zu jedem Kontext aus. Wenn man dies jetzt stumpf ausfüllt mit den bewährten Praktiken anderer Umgebungen, dann verbauen wir damit den Weg, den richtigen Rahmen wirklich passend für unsere neue Umgebung auszugestalten.

Das zweite fast noch größere Problem ist, dass wir versuchen die Lösung umzusetzen und dabei vergessen die Leute in der Notwendigkeit und der aktiven Ausgestaltung wirklich einzubinden. Das ist ein wenig so, als würden wir die Mathe Hausaufgaben von anderen abschreiben. Egal ob wir sie erklären können oder nicht. Das führt oft zu blinden unreflektierten Folgen dieses Prozesses, egal ob es Sinn macht zu halbherziger Mitarbeit oder eben auch zu dem das es aktiv Widerstand gibt, weil die anderen diese für sie absurd und unpassend erscheinende Lösung nicht nachvollziehen können. Das bringt uns eher weiter weg von einer wirklich gut funktionierenden Scrum Umgebung, die von allen Beteiligten aktiv mit gestaltet wird.

Wenn ihr erste Erfahrungen gesammelt habt, achtet bitte darauf, nicht einfach der Versuchung zu erliegen eure bewährten Praktiken als abkürzen reinzubringen. Diese Abkürzung ist eher ein Umweg oder soll ich besser sagen ein Irrweg.

 

Soweit die Problemdarstellung, aber was machen wir jetzt?

  • Sich bewußt zu sein, dass es von diesen wirklich erfahrenen Scrum Mastern heute leider viel zu wenig gibt, ist ein Problem, aber was machen wir jetzt mit der Situation?
  • Was kann ich als Organisation tun, wenn ich keine wirklich erfahrenen Scrum Master finde aber brauche?
  • Was kann ich als Scrum Master machen, wenn ich mich über Gebühr hinaus verkauft habe?
 

 

Was kann ich als Organisation tun, um auch ohne erfahrenen Scrum Master die Ziele zu erreichen?

  • Benennen, warum wir uns durch Agilität und Scrum aufstellen wollen
 
  • Dabei unterstützen, dass sich die Führungskräfte im Umfeld, wo dieser Kandidat wirkt, vorher auch mal ein wenig mit Scrum und Agilität auseinandergesetzt haben. Sachen die ihnen dabei ein Gefühl geben, worum es in diesem Wandel wirklich geht. Artikel und Bücher greifen hier in der Regel zu kurz und schaffen es nicht die neue Perspektive nachhaltig zu vermitteln. Ein einfacher Weg kann hier schon eher unsere remote Scrum Simulation sein, die wir einmal im Monat als kostenloses Webinar “Den Kern von Scrum erleben” veranstalten.
 
  • Wenn eigentlich keine Erfahrungen vorliegen, dann wird es aber ohne externe Unterstützung schwer. Damit meine ich weniger die Einbindung eines semi-erfahrenen Scrum Masters, sondern den fokussierten und strukturierten Aufbau einer neuen Scrum Umgebung in wenigen Sprints. Hier kann aus der Mischung von Training und Coaching Scrum als Lernrahmen etabliert werden und der neue unerfahrene Scrum Master passend positioniert werden.
 
  • Man kann sich aber auch eine Begleitung aus dem Hintergrund für den semi-erfahrenen Scrum Master einkaufen. Gerade bei Scrum Mastern mit ersten Erfahrungen, habe ich gute Erfahrungen aus der Begleitung mit unserem Online Programm (A-CSM & CSP-SM) gemacht. Hier begleiten wir die Scrum Master 6 Monate neben Ihrem Beruf und arbeiten ihre praktisch Herausforderungen gemeinsam auf. 
 
  • Was ich in so einer Situation weniger machen würde, ist einen Scrum Master mit unter 3 Jahren Erfahrungen temporär für den Aufbau einer neuen Umgebung einzukaufen. Da hier viele dazu neigen vor allem ihre bisher bewährten Mechaniken einzuführen ohne ein Gefühl für die neue Umgebung zu haben und ohne das die beteiligten Personen diese auch wirklich mit verändern wollen.
 
 

Was kann ich als Scrum Master oder Agile Coach tun, wenn ich mich etwas über Gebühr verkauft habe?

  • Versuche möglichst Stellen zu finden, die zu deinem wirklichen Erfahrungshintergrund passen
 
  • Tausche dich in der agilen Community aus, vielleicht findest du über diesen Weg Zugang zu passenden Stellen und kannst einen ersten Eindruck vermitteln der dir Türen zu diesen Positionen öffnet.
 
  • Versuche beim Start in der neuen Position fokussiert herauszuarbeiten:
    • Was wollen wir hier eigentlich durch Agilität erreichen?
    • Wie können wir Scrum und Agilität dafür richtig nutzen?
    • Lass Entwickler und Product Owner erstmal zu einer Übersicht benennen, was ihr Beitrag dazu ist, bevor du die Frage klärst, wo sie sich Hilfe von dir wünschen? Das Miteinander abstecken.
 
  • Zudem würde ich mir an deiner Stelle für diesen neuen Job eine Begleitung aus dem Hintergrund suchen. Das heißt eine Form von Supervision oder so etwas wie mein Online Programm für Scrum Master, wo der Fokus auf der Aufarbeitung praktischer herausfordernder Situationen aller Teilnehmer liegt.
 
  • Denk immer daran, Scrum funktioniert dann gut, wenn ihr gemeinsam neugierig ausprobieren könnt und aus der Transparenz lernen könnt. Du solltest dich immer Fragen, kannst du neugierig und naiv fragen stellen, wie meine beiden siebenjährigen Mädels? Oder hast du dich durch die Notwendigkeit eine Fassade aufrecht erhalten zu müssen selbst in eine problematische Lage gebracht? Falls du dich hier verzettelt hast, würde ich dir dringend empfehlen, Hilfe zu holen. Aus dem festhalten an alten Mustern und dem vorgaukeln, dass du souverän mit Scrum agieren kannst, wird es tendenziell nur schlimmer und unter Druck machen wir dann eher noch mehr falsch. Das ist weder gut für dich, noch für die Reputation von Scrum.
 

Ich hoffe ihr konntet einige Inspirationen aus dieser Folge mitnehmen und ich hoffe wir hören uns in der nächsten Folge wieder. 

Wenn Ihr Fragen oder Interesse an unserer Scrum Master Weiterbildung habt, dann ruft uns einfach an oder schreibt uns eine Email an office@enablechange.de. Wir helfen gern weiter und freuen uns auf Euch!

Bis dann & viel Erfolg 🙂

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