Stabile Retrospektiven durchführen – Tiefe statt Abwechslung

Schritt-für-Schritt-Anleitung für wirkungsvolle Retrospektiven mit stabilem Format. Champions-Prinzip, 3-teiliges Schema für Kleingruppen und echte Verbesserungen statt Methodenwechsel.

24. November 202123:54
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Das Wichtigste in Kürze

  • Stabilität schafft Tiefe: Ein wiederkehrendes Retro-Format ermöglicht es dem Team, sich auf den Inhalt zu konzentrieren, anstatt sich ständig auf neue Methoden einzustellen. Das führt zu substanzielleren Ergebnissen.
  • Weniger ist mehr (Moderation): Ein übergriffiger Scrum Master, der ständig Schwerpunkte setzt, kann den Team-Lernprozess behindern. Ein stabiler Rahmen fördert die Eigenverantwortung.
  • Das 5-Phasen-Format im Detail: Ein effektives Format umfasst: 1) Check-in, 2) Sammeln von Daten, 3) Erkennen von Mustern, 4) Entscheiden über Maßnahmen, 5) Check-out.
  • Champions-Prinzip für Breakouts: Verteile die Moderation von Breakout-Sessions an Teammitglieder (Champions). Das entlastet dich und stärkt das Engagement und Verständnis im Team.
  • Zeitlicher Versatz für Reflexion: Baue Pausen oder Zeit zwischen Phasen ein. Dies ermöglicht es den Teilnehmern, "noch mal ganz anders einen Schritt zurückzugehen" und tiefer zu bohren.

Worum es geht

Die gängige Meinung in der Agile-Community lautet oft: Retrospektiven müssen abwechslungsreich und kreativ sein, um das Team bei Laune zu halten. Der Scrum Master wird als Entertainer gesehen, der ständig neue Formate liefern muss.

Das Problem ist nur: Dieser Fokus auf Abwechslung kann genau das Gegenteil bewirken. Statt dass sich das Team auf die eigentliche, oft anstrengende Arbeit der Ursachenanalyse und Verbesserung konzentrieren kann, muss es sich immer wieder auf ein neues Setting einlassen. Noch kritischer ist die Frage: "Ist es dann nicht übergriffig von dem Scrum-Master, wenn er in der Retrospektive [...] die Akzente und die Schwerpunkte setzt?"

In dieser Episode hinterfragt Ralf diesen Common Sense und argumentiert für einen radikal anderen Ansatz: Ein stabiles, wiederkehrendes Format, das dem Team Sicherheit gibt und Raum für echte Vertiefung schafft.

Für wen?

Für wen?

Diese Episode ist ein Muss für Agile Coaches und Scrum Master, die sich in der Retrospektiven-Gestaltung weiterentwickeln wollen. Sie ist ebenso wertvoll für Product Owner, die verstehen wollen, wie sie ihr Team zu effektiveren Reflexionszyklen befähigen können.

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Besonders wertvoll, wenn du:

  • Das Gefühl hast, ständig neue, "coole" Retro-Ideen suchen zu müssen.
  • Den Eindruck hast, dass eure Retrospektiven oberflächlich bleiben und keine nachhaltigen Verbesserungen bringen.
  • Deine eigene Rolle als Scrum Master hinterfragst und zwischen "Servant Leadership" und "Übergriffigkeit" navigieren willst.

Episoden-Insights

Erkenntnis 1: Abwechslung kann der Feind der Tiefe sein

Ständig wechselnde Formate fordern kognitive Ressourcen. Das Team muss sich erst in die neue Methode einfinden, anstatt sofort in die inhaltliche Reflexion einzusteigen. Ein bekannter, stabiler Rahmen hingegen wird zur Routine. Das Team weiß, was kommt, fühlt sich sicher und kann seine gesamte Energie darauf verwenden, die eigentlichen Team- und Prozess-Themen zu bearbeiten. Effektivität geht vor Unterhaltung.

"Ist es dann nicht übergriffig von dem Scrum-Master, wenn er in der Retrospektive [...] die Akzente und die Schwerpunkte setzt?"

Erkenntnis 2: Ein bewährtes 5-Phasen-Format als stabiler Kern

Die Lösung ist kein starres Korsett, sondern ein wiederkehrender Ablauf, der Sicherheit gibt. Ein praktisches Beispiel ist dieses Format:

  1. Check-in: Kurzer emotionaler oder fokussierter Start.
  2. Daten sammeln: Fakten und Eindrücke zum letzten Sprint werden gesammelt (z.B. via Mad/Sad/Glad).
  3. Muster erkennen: Das Team analysiert die gesammelten Daten und identifiziert Kernprobleme oder -erfolge.
  4. Maßnahmen beschließen: Konkrete, umsetzbare Experimente für den nächsten Sprint werden definiert.
  5. Check-out: Abschluss mit Feedback zum Prozess oder Ausblick.

Erkenntnis 3: Das Team einbinden und Zeit zum Denken geben

Stabile Formate bedeuten nicht, dass der Scrum Master alles alleine macht. Im Gegenteil: Nutze das Champions-Prinzip, bei dem Teammitglieder die Moderation von Teilphasen (z.B. Breakout-Sessions) übernehmen. Das fördert Ownership. Zudem sind gezielte Pausen oder ein zeitlicher Versatz zwischen Phasen (z.B. Muster erkennen in der nächsten Woche) entscheidend.

"Dieser zeitliche Versatz sorgt dafür, dass die Leute noch mal ganz anders einen Schritt zurückgehen können und dann noch mal ganz anders auf diese Themen drauf gucken und tiefer bohren."

Stabile Retrospektiven durchführen: So gehst du Schritt für Schritt vor

Dieses 5-Schritt-Format ist bewusst wiederholbar. Die Stabilität gibt dem Team Sicherheit – es weiß was kommt und kann sich auf den Inhalt konzentrieren statt auf die Methode. Das Champions-Prinzip (Schritt 3) ist der Game-Changer: Die Themen kommen vom Team, nicht vom Scrum Master. Das 3-teilige Schema (Schritt 4) stellt sicher, dass ihr von Symptomen zu Ursachen zu Lösungen kommt.

Zeitrahmen: Plane 90 Minuten ein. Einstieg (10min) → Daten sammeln (15min) → Champions-Themenwahl (10min) → Kleingruppen (30min) → Plenum (20min) → Check-out (5min).

Vertiefung: In unserem [YouTube-Video](

(2:13 min) siehst du die Problematik abwechslungsreicher Formate kompakt erklärt.

Dein nächster Schritt

Hast du genug von der Suche nach dem nächsten kreativen Format und willst stattdessen lernen, wie du mit Stabilität echte Tiefe erreichst?

Das stabile Retro-Format: Schritt-für-Schritt Anleitung

Lade dir unsere detaillierte Vorlage mit dem 5-Phasen-Format, Moderationstipps für das Champions-Prinzip und einem Plan für deine ersten stabilen Retros herunter.

Leitfaden herunterladen →

Stabile Retrospektiven durchführen: Schritt für Schritt

Ein bewährtes Format für substanzielle Team-Retrospektiven mit Champions-Prinzip und 3-teiligem Kleingruppen-Schema.

Zeitaufwand: PT90M
1

Einstieg: Review der vorherigen Action Items

Starte IMMER mit einem kurzen Review der Maßnahmen aus der letzten Retro. Was wurde umgesetzt? Was hat es bewirkt? Was blieb liegen? Dieser Schritt schafft Verbindlichkeit und Kontinuität. Selbst nicht erledigte Items zu benennen ist ein starker Impuls für die folgende Planung. Halte es kurz (5-10 Minuten), aber überspringe es nie – es ist der Anker für nachhaltigen Wandel.

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2

Daten sammeln: Eindrücke aus dem Sprint erfassen

Sammelt Fakten und Eindrücke zum letzten Sprint, z.B. mit Mad/Sad/Glad. Wichtig: Hier geht es noch nicht um Analyse, nur um das Sichtbarmachen aller Perspektiven. Nutze ein bekanntes, wiederkehrendes Format – das Team weiß dann was kommt und kann sich auf den Inhalt konzentrieren statt auf die Methode. Zeitrahmen: 10-15 Minuten.

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3

Champions-Prinzip: Team wählt eigene Schwerpunktthemen

Jetzt kommt der Kern: Teammitglieder schlagen Themen vor, für die sie 'brennen' ('Ich möchte eine Gruppe zu Thema X leiten. Wer ist dabei?'). Andere ordnen sich den Themen zu, die sie am meisten interessieren. Mindestens 3 Personen pro Gruppe. Dieser aktive, commitment-basierte Ansatz ist stärker als passives Punktverteilen – die richtigen Themen kommen von selbst, nicht vom Scrum Master gesetzt.

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4

Kleingruppen: 3-teiliges Schema in 15-30 Minuten

Die Kleingruppen arbeiten eigenständig mit einem einfachen Schema: (1) Was ist das Problem? (2) Was steckt dahinter (Ursache)? (3) Was sind konkrete Lösungsvorschläge für unseren Kontext? Dieses freie Format minimiert Moderationsaufwand und stellt sicher, dass nicht nur Symptome, sondern Ursachen behandelt werden. Champions moderieren ihre Gruppen selbst – das entlastet den Scrum Master und stärkt Ownership.

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5

Plenum: Ergebnisse vorstellen & Maßnahmen vereinbaren

Jede Gruppe stellt ihre Erkenntnisse kurz vor (3-5 Minuten). Das Team entscheidet gemeinsam, welche 1-3 Experimente im nächsten Sprint umgesetzt werden. Wichtig: Formuliere Maßnahmen als Experimente ('Wir probieren X für 2 Sprints'), nicht als finale Lösungen. Definiere klar: Wer macht was bis wann? Diese Items sind dann der Startpunkt der nächsten Retro.

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Häufig gestellte Fragen zu dieser Episode

Die wichtigsten Fragen und Antworten aus Episode #119:

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