Scrum Guide

Der umfassende Leitfaden zu Scrum: Events, Rollen, Artefakte und Best Practices

Sprint Retrospective

Reflexion über den vergangenen Sprint und Verbesserungsplanung

Zweck

Prozessverbesserungen identifizieren und umsetzen

Die Retrospektive schafft einen geschützten Raum für ehrliche Reflexion. Nach Norman Kerths Prime Directive glauben wir aufrichtig, dass jeder in der gegebenen Situation sein Bestes getan hat. Es geht NICHT um Schuldzuweisungen oder oberflächliche Beschwerden, sondern um kontinuierliche, inkrementelle Verbesserung der Team-Performance.

💡 Key Insight

Retrospektiven schaffen einen geschützten Raum, in dem Teams ehrlich reflektieren und ihre Zusammenarbeit inkrementell verbessern können.

Video: Sprint Retrospective

Community Insights: Sprint Retrospective in der Praxis

Die RemoteScrum Community teilt praktische Erfahrungen und Einblicke aus echten Scrum-Implementierungen:

Sprint Retrospektive Nachlese - Interview mit Marc Löffler

Warum Retros scheitern und wie du sie zum wirkungsvollen Motor für kontinuierliche Verbesserung machst

Effektive Retrospektiven - Stabilität statt ständig neue Formate

Warum konsistenter Rahmen besser wirkt als kreative Show, Team-Eigenverantwortung fördern

Ablauf

  • Vorbereitung und Einleitung
  • Datensammlung (was lief gut/schlecht)
  • Erkenntnisse gewinnen
  • Maßnahmen definieren
  • Abschluss und nächste Schritte

Best Practices

  • Sichere Umgebung schaffen
  • Verschiedene Retro-Formate nutzen
  • Konkrete Maßnahmen definieren
  • Maßnahmen im nächsten Sprint verfolgen
  • Offene Kommunikation fördern

Häufige Fehler

  • Keine sichere Umgebung
  • Keine konkreten Maßnahmen
  • Maßnahmen nicht verfolgen
  • Immer gleiches Format
  • Keine echte Reflexion
Effektive Retrospektiven gestalten

Methoden und Techniken für erfolgreiche Sprint Retrospectives

Häufig gestellte Fragen

Ursprünglich gab es in Scrum nur das Sprint Review, das Produkt- und Prozessreflexion kombinierte. Dies erwies sich als problematisch, da ein Review oft mit Gästen stattfindet, während eine offene Prozessreflexion einen geschützten Raum benötigt. Die Trennung ermöglicht es, im Review den Fokus auf das <a href="/scrum/artefakte/inkrement/" className="text-brand-600 hover:text-brand-700 font-medium">Produkt-Inkrement</a> zu legen und in der Retrospektive in einem sicheren, internen Rahmen die Zusammenarbeit und Arbeitsweise zu verbessern, ohne in Rechtfertigungsmodi zu verfallen.

Der Zweck ist, in einem geschützten Raum die Eindrücke und Erfahrungen aus dem abgeschlossenen Sprint zu reflektieren. Daraus soll das Team gemeinsam über seine Arbeitsweise lernen und konkrete, umsetzbare Verbesserungsmaßnahmen für den nächsten Sprint ableiten. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, Stärken auszubauen und Schwächen zu mindern, um so einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess (Kaizen) zu etablieren.

Nur wenn Teammitglieder das Gefühl haben, offen und ohne negative Konsequenzen ihre Perspektiven teilen zu können, werden die wirklichen, oft tieferliegenden Probleme angesprochen. Fehlt diese Sicherheit, bleibt der Austausch oberflächlich und führt zu fadenscheinigen Verbesserungen (z.B. "Daily verschieben"). Ein sicherer Raum wird durch Teilnehmerbeschränkung (nur Scrum-Team), Vertraulichkeit ("Las-Vegas-Regel") und eine wertschätzende, auf gemeinsames Lernen ausgerichtete Haltung geschaffen.

Die etablierten fünf Phasen sind: 1. Check-in/Setting the Stage (Schaffung eines Reflexionsklimas), 2. Datensammlung (Sammeln von Eindrücken in der Breite), 3. Erkenntnisgewinnung (Identifikation von Schwerpunkten und Ursachen), 4. Entscheidungen treffen (Festlegung konkreter Maßnahmen) und 5. Abschluss (Wertschätzung, Review der Retro). Diese Struktur hilft, Herausforderungen wie Dominanz Einzelner, reines "Auskotzen" oder das Fehlen konkreter Aktionen zu meistern und einen systematischen, ergebnisorientierten Ablauf zu gewährleisten.

Indem man die Struktur der fünf Phasen nutzt und insbesondere in Phase 3 (Erkenntnisgewinnung) mit Methoden wie dem "Fünfmal Warum?" oder Fischgrätendiagrammen von Symptomen zu den zugrundeliegenden Ursachen vordringt. Entscheidend ist zudem Phase 4, in der spezifische, messbare und verantwortungszugewiesene Aktionen ("Wer, was, bis wann?") definiert werden. Die Moderator:in muss zudem stets auf den Zweck – gemeinsames Lernen und Verbessern – und nicht auf Schuldzuweisungen lenken.

Die Retrospektive wird durch den Scrum-Rahmen wesentlich gestärkt. Das Sprint Review liefert wertvolle Impulse, da die Reaktion auf das gelieferte <a href="/scrum/artefakte/inkrement/" className="text-brand-600 hover:text-brand-700 font-medium">Inkrement</a> oft Hinweise auf Verbesserungspotenziale gibt. Das Sprint Planning und das <a href="/scrum/artefakte/sprint-backlog/" className="text-brand-600 hover:text-brand-700 font-medium">Sprint Backlog</a> bieten den konkreten Rahmen, um die abgeleiteten Verbesserungsaktionen einzuplanen und verbindlich umzusetzen. So befruchten sich die Events gegenseitig und schaffen einen effektiveren kontinuierlichen Verbesserungsprozess, als es isolierte Retrospektiven könnten.

Der Podcaster argumentiert, dass ständig wechselnde Formate Teilnehmer oft überfordern und sie sich dadurch weniger einbringen. Ein stabiler, wiederkehrender Rahmen ermöglicht es, Themen über mehrere Sprints hinweg zu vertiefen und wirklich zu lösen. Zudem erleichtert er die Orientierung und Moderation, besonders für neue Teammitglieder oder Scrum Master. Der Fokus sollte auf der inhaltlichen Tiefe liegen, nicht auf methodischer Abwechslung.

Es werden minimalistisch gestaltete Retrospektiven genannt, die oft nur oberflächliche "Quick Wins" produzieren, ohne Kernprobleme anzugehen. Die zweite Art sind sehr abwechslungsreich und mit viel Hingabe gestaltete Retrospektiven, wie sie häufig in der Community empfohlen werden. Der Podcaster kritisiert, dass letztere oft zu übergriffigem Verhalten des Scrum Masters führen können, der dadurch die inhaltlichen Schwerpunkte zu stark vorgibt, anstatt das selbstorganisierte Team agieren zu lassen.

Stabile Retrospektiven durchführen: Schritt für Schritt

Ein bewährtes Format für substanzielle Team-Retrospektiven mit Champions-Prinzip und 3-teiligem Kleingruppen-Schema.

1

Einstieg: Review der vorherigen Action Items

Starte IMMER mit einem kurzen Review der Maßnahmen aus der letzten Retro. Was wurde umgesetzt? Was hat es bewirkt? Was blieb liegen? Dieser Schritt schafft Verbindlichkeit und Kontinuität. Selbst nicht erledigte Items zu benennen ist ein starker Impuls für die folgende Planung. Halte es kurz (5-10 Minuten), aber überspringe es nie – es ist der Anker für nachhaltigen Wandel.

2

Daten sammeln: Eindrücke aus dem Sprint erfassen

Sammelt Fakten und Eindrücke zum letzten Sprint, z.B. mit Mad/Sad/Glad. Wichtig: Hier geht es noch nicht um Analyse, nur um das Sichtbarmachen aller Perspektiven. Nutze ein bekanntes, wiederkehrendes Format – das Team weiß dann was kommt und kann sich auf den Inhalt konzentrieren statt auf die Methode. Zeitrahmen: 10-15 Minuten.

3

Champions-Prinzip: Team wählt eigene Schwerpunktthemen

Jetzt kommt der Kern: Teammitglieder schlagen Themen vor, für die sie "brennen" ("Ich möchte eine Gruppe zu Thema X leiten. Wer ist dabei?"). Andere ordnen sich den Themen zu, die sie am meisten interessieren. Mindestens 3 Personen pro Gruppe. Dieser aktive, commitment-basierte Ansatz ist stärker als passives Punktverteilen – die richtigen Themen kommen von selbst, nicht vom Scrum Master gesetzt.

4

Kleingruppen: 3-teiliges Schema in 15-30 Minuten

Die Kleingruppen arbeiten eigenständig mit einem einfachen Schema: (1) Was ist das Problem? (2) Was steckt dahinter (Ursache)? (3) Was sind konkrete Lösungsvorschläge für unseren Kontext? Dieses freie Format minimiert Moderationsaufwand und stellt sicher, dass nicht nur Symptome, sondern Ursachen behandelt werden. Champions moderieren ihre Gruppen selbst – das entlastet den Scrum Master und stärkt Ownership.

5

Plenum: Ergebnisse vorstellen & Maßnahmen vereinbaren

Jede Gruppe stellt ihre Erkenntnisse kurz vor (3-5 Minuten). Das Team entscheidet gemeinsam, welche 1-3 Experimente im nächsten Sprint umgesetzt werden. Wichtig: Formuliere Maßnahmen als Experimente ("Wir probieren X für 2 Sprints"), nicht als finale Lösungen. Definiere klar: Wer macht was bis wann? Diese Items sind dann der Startpunkt der nächsten Retro.

Retros als Teil von Scrum: Die Geschichte

Die Sprint Retrospektive war ursprünglich kein Teil von Scrum. Anfangs gab es nur das Sprint Planning, das Daily Scrum sowie das Sprint Review. Auf Basis des Produktinkrements wurden damals im Sprint Review sowohl das Produkt als auch der Prozess gleichermaßen reflektiert.

Das Einbeziehen von Gästen (das ja sehr wichtig ist für die Einordnung, Bewertung und weitere Ausgestaltung des Produktes) führte jedoch dazu, dass es oft nicht gut funktionierte, die eigene Arbeitsweise zu reflektieren.

Um unsere Arbeitsweise offen und ehrlich zu hinterfragen, braucht es einen geschützten Raum, in dem wir wirkliche Probleme benennen und aufarbeiten können. Darüber hinaus hat sich damals gezeigt, dass eine vermischte Betrachtung der Ebenen "Produkt" und "Prozess" häufig dazu führte, den Fokus zu verlieren.

Eine produktseitiges Problem führte dazu, den gesamten Prozess zu hinterfragen und umgekehrt. Auch aus dieser Perspektive betrachtet, ist die separate Reflexion von Produktinkrement und Prozess sinnvoll.

**Heute:** Der Schwerpunkt des Sprint Reviews liegt auf dem Inspizieren des Produktinkrements, um daraus die Ausrichtung des Produktes im Product Backlog nachzujustieren. Der Fokus der Retrospektive hingegen liegt auf der Arbeitsweise des Scrum Team.

Typische Herausforderungen in Retrospektiven

⚠️ Einzelne dominieren die Diskussion

Lösung: Strukturierte Datensammlung (z.B. stilles Schreiben von Post-its) gibt allen eine Stimme. Timeboxing pro Person einführen. Kleingruppen-Diskussionen statt Plenum.

⚠️ Team "kotzt sich aus" ohne konstruktive Wendung

Lösung: Phase 3 (Erkenntnisgewinnung) bewusst moderieren. Mit "5 Why" von Symptomen zu Ursachen vordringen. Konkrete Maßnahmen in Phase 4 einfordern.

⚠️ Keine konkreten Action Items entstehen

Lösung: Maßnahmen mit "Wer, Was, bis Wann?" definieren. Maximal 1-3 Experimente pro Sprint. Review der letzten Maßnahmen IMMER zu Beginn der Retro.

⚠️ Oberflächliche Themen statt tiefe Probleme

Lösung: Sicheren Raum schaffen (nur Scrum Team, Las-Vegas-Regel). Prime Directive zu Beginn vorlesen. Vertraulichkeit garantieren.

⚠️ Immer die gleichen Themen, keine Fortschritte

Lösung: Maßnahmen als Experimente formulieren. Nach 2-3 Sprints evaluieren: Was hat sich verändert? Ggf. Thema eskalieren wenn Team-Level nicht ausreicht.

5 Phasen für Einsteiger

Die klassische 5-Phasen-Struktur hilft, fokussierte Retrospektiven zu gestalten. Sie ist ein Hilfsmittel, keine Pflicht – passe sie an deinen Kontext an.

1

Set the Stage

Gesprächsklima schaffen

Erwartung an die Retro formulieren, alte Maßnahmen bewerten, Sprint in wenigen Worten zusammenfassen. Ziel: Alle sind mental im Raum und bereit zur Reflexion.

2

Gather Data

Themen sammeln

Daten und Eindrücke sammeln, um einen Gesamteindruck zu erhalten. Kann in der Gruppe oder in zweiminütiger Reflexion alleine gemacht werden. Wichtig: Noch keine Analyse, nur Sichtbarmachen.

3

Generate Insights

Erkenntnisse gewinnen

Aus den gesammelten Daten Erkenntnisse gewinnen und Schwerpunkte identifizieren. Techniken: "5 Whys", Fischgrätendiagramm, Dot Voting. Ziel: Von Symptomen zu Ursachen gelangen.

4

Decide What to Do

Entscheidungen treffen

Konkrete Aktionen festlegen: Wer macht was bis wann? Maximal 1-3 Experimente pro Sprint. Wichtig: Spezifisch, messbar, terminiert. Nicht "besser kommunizieren", sondern "täglich 15min Pair Programming".

5

Close the Retrospective

Abschluss

Erkenntnisse und geplante Aktionen zusammenfassen. Wertschätzungen aussprechen. Optional: Mini-Retro der Retro ("Was war gut/schlecht an dieser Retrospektive?"). Motivierend in den nächsten Sprint überleiten.

Mini-Retrospektiven für den Start

Wenn Retrospektiven neu für dein Team sind, starte klein. Mini-Retros (15-30 Minuten) schaffen schnelle Erfolgserlebnisse und erhöhen die Akzeptanz. Später kannst du zu vollständigen Retrospektiven erweitern.

📋 Seestern Retrospektive

Fünf Kategorien: "Start" (Was sollen wir anfangen?), "Stop" (Was aufhören?), "Continue" (Was beibehalten?), "More" (Mehr wovon?), "Less" (Weniger wovon?). Team sammelt Post-its, diskutiert kurz, definiert 1-2 Aktionen.

📋 Timeline Retrospektive

Team zeichnet Sprint-Zeitstrahl und markiert positive/negative Ereignisse. Diskussion: Was können wir aus Hochs/Tiefs lernen? Welche Muster erkennen wir? 1-2 konkrete Verbesserungen ableiten.

📋 4L Retrospektive

Vier Kategorien: "Liked" (Was mochten wir?), "Learned" (Was lernten wir?), "Lacked" (Was fehlte?), "Longed for" (Was wünschten wir uns?). Schnelles, fokussiertes Format für Einsteiger.

Retrospektiven Tools

Für effektive Retrospektiven braucht es keine ausgefeilten Tools – aber die richtigen Werkzeuge helfen, besonders remote.

💻 Digital

  • Echometer (spezialisiert auf Retros, Team-Health-Checks)
  • Retrium (umfassende Retro-Plattform)
  • TeamRetro (einfach, fokussiert)
  • FunRetro (kostenlos, gut für Start)
  • ScrumLR (Open Source Alternative)
  • Miro/Mural/Conceptboard (flexible Whiteboards)

📝 Analog

  • Post-its + Flipcharts (klassisch, taktil)
  • Whiteboards (für Timeline, Diagramme)
  • Moderationskarten (strukturierte Diskussion)
  • Dot-Sticker (für Voting/Priorisierung)

Retromat: Die Community-Ressource

Der Retromat von Corinna Baldauf ist eine wunderbare Sammlung von über 100 Retrospektiven-Aktivitäten. Für jede der 5 Phasen findest du passende Übungen, komplett mit Anleitungen und Timing-Empfehlungen. Besonders hilfreich: Viele Übungen gibt es als fertige Miro-Vorlagen zum Download.

Retromat besuchen →

Folgende Scrum Artefakte sind in diesem Event besonders relevant:

Nächste Schritte

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Sprint Retrospective - Podcast-Folgen

#42: Sprint Retrospektive – 5 Phasen & sicherer Raum schaffen

Retrospektive richtig moderieren: 5 Phasen (Set Stage bis Close), Prime Directive nutzen, sicheren Raum schaffen. Vom Meckermeeting zum Lern-Event.

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#43: Sprint Retrospektive - Nachlese Interview mit Marc Löffler

Teams verschwenden Zeit in Retrospektiven? Erfahre, warum Retros scheitern und wie du sie zum wirkungsvollen Motor für kontinuierliche Verbesserung machst.

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#119: Stabile Retrospektiven durchführen – Tiefe statt Abwechslung

Schritt-für-Schritt-Anleitung für wirkungsvolle Retrospektiven mit stabilem Format. Champions-Prinzip, 3-teiliges Schema für Kleingruppen und echte Verbesserungen statt Methodenwechsel.

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#124: Effektive Retrospektiven – Stabilität statt ständig neue Formate

Retrospektiven verbessern: Warum konsistenter Rahmen besser wirkt als kreative Show, Team-Eigenverantwortung fördern, Themen nicht drücken. Für Scrum Master.

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